Gretas Schwester - Teil 5

Ein Herz voll Rührei

Als alle Bäuche voll und sämtliche Schalen leer waren, stieg Häuptling Halber Hahn auf den Tisch. Nur satt und zufrieden durfte auf der Insel Rat gehalten werden. Das war eine der zehn goldenen Regeln, die er sofort nach seinem Amtsantritt aufgestellt hatte. Sein Vorgänger war ein Asket gewesen, der auf derlei Firlefanz wenig gab und Rat hielt wenn Rat nötig war. Er schlief wenig und regierte viel, stieß Reformen an und verordnete Neues von früh bis spät. Er war kein schlechter Häuptling. Er war einer, der mit Verstand führte. Halber Hahn tickte anders. Er lenkte mit Genuss und Herz. Das Wohl seiner Leute und ihre gute Laune waren ihm wichtiger als alles andere. Er wollte, dass das Glück auf seiner Insel wohnte. 
Häuptling halber Hahn also kletterte auf den Tisch und wedelte mit einer Banane, die er als Mikrofon benutzte, um seinen Worten, die nun folgen sollten, mehr Nachdruck zu verleihen. Sofort kehrte Ruhe an den langen Tafeln ein. Alle warteten gespannt, was er an diesem verregneten Morgen so wichtiges mitzuteilen haben würde.

„Liebe gute Leute“, hob halber Hahn zu sprechen an und die Worte donnerten trotz seiner schmächtigen Statur über den Strand. „Wir haben uns heute hier versammelt, weil wir uns feiern wollen. Wir wollen feiern, dass wir auf der schönsten Insel der Welt leben. Wir wollen feiern, dass wir Freunde sind. Wir wollen feiern, dass wir Leckereien im Überfluss haben, keinen Hunger, keinen Durst und jede Menge Spaß. Uns geht es gut, uns fehlt es an nichts, wir lieben unser Leben und das Leben liebt uns.“ 

Applaus brandete auf, alte, junge, dicke, dünne, krumme und aufrechte Indianer trommelten mit Messern und Gabeln ihre Zustimmung. „Wir haben alles, alles, alles, haben alles, alles, alles, haben alles, alles haben uns“, sangen sie und lärmten was das Zeug hielt. Häuptling halber Hahn nahm den Schwung mit und legte nach. „Wo gibt es das beste Rührei?“ brüllte er? „Hier, hier“, johlten seine Untertanen. „Wo lebt es sich gesund und gemütlich?“ „Hier, hier“, schallte es. „Wo wollt ihr für immer sein?“ rief der Häuptling und schielte dabei zu Anuk und ihrem Vater. „Hier, hier“, donnerten die Indianer, sprangen über Tische und Bänke in den Sand und tanzten im Wasser, das von Himmel fiel, ihren berühmten Regentanz, dass es nur so spritzte.

Anuk und schneller Fisch blieben mit offenen Mündern sitzen. Sie ahnten, warum Häuptling halber Hahn dieses Spektakel veranstaltete. Sie ahnten, dass er ahnte, dass sie in der Nacht auf dem Walfischrücken von Greta etwas beschlossen hatten.

(Fortsetzung folgt)