Gretas Schwester - Teil 6

Die Welt so weit

Anuk und ihr Vater wollten fort. Greta würde sie mitnehmen. Sie würden mit ihr solange um die Welt reisen, bis sie Anuks Mutter gefunden hätten. In der Nacht waren Anuks Vater plötzlich die Worte wieder eingefallen, die er seit dem Weggang seiner Frau verloren geglaubt hatte. Er erzählte Anuk, wie sehr er sie vermisste, wie sehr es ihn grämte, dass er ihren Drang, die Welt entdecken zu wollen, nicht hatte verstehen können. Wieviel Angst ihm diese Sehnsucht gemacht hatte. Wieviel Furcht ihm nach wie vor die Idee bereitete, sein vertrautes Zuhause, wo es das köstlichste Rührei und so gute Eierkuchen gab, zu verlassen und ins Ungewisse aufzubrechen. Wie er Anuks Mutter andersherum dafür bewunderte, dass sie sich getraut hatte, genau das zu tun. „Woher weißt Du, dass es nicht anderswo besseres Rührei gibt?“ hatte Anuks Mutter oft gefragt. „Vielleicht gibt es auch Dinge, die wir noch nie gekostet haben, die genauso gut schmecken oder noch besser.“ „Ja weißt Du, Anuk“, sagte schneller Fisch, „darüber denke ich seither nach. Ob es woanders auf der Welt nicht genauso schön ist wie hier. Oder schöner noch. Und ob Deine Mutter da jetzt lebt. Das würde ich gerne wissen.“ Da hatte auch Anuk ihrem Vater endlich von dem Traum erzählt, der sich jede Nacht in ihren Schlaf schummelte. Sie berichtete von dem Walfisch, der sie besuchen kam und auf dessen Rücken sie wie ihre Mutter davonreiste.

Stets wachte sie auf, wenn die Insel am Horizont versank wie jeden Abend die Sonne und um sie herum nur noch Wasser war. „In diesem Moment habe ich keine Ahnung, was der nächste Morgen bringen und wohin die Reise mich führen wird. Doch nie scheinen mir die Freiheit und die Welt größer“, sagte Anuk zu ihrem Vater. „Und nie scheint mir die Insel kleiner. Ich habe jeden Tag auf Greta gewartet. Nun ist sie da und ich will weg. Ich weiß, es wird Dich bekümmern und Häuptling halber Hahn wird es nicht verstehen. Aber ich muss fort, die Welt ist groß, ich kann nicht anders, das Leben wartet.“ Da schmunzelte schneller Fisch. „Das hat deine Mutter auch gesagt, als sie fortging“, sagte er. „Du bist ihre Tochter, das wusste ich immer. Auch ich habe auf den Wal gewartet und gewusst, dass Du Deiner Mutter eines Tages folgen würdest. Nun ist der Tag gekommen. Nun musst Du fort. Und ich werde Dich begleiten.“

(Fortsetzung folgt)