Welcome Amigos

Zwei Kinder, ein Camper, Vater, Mutter und die Koffer voller Strampler und Geduld. So haben wir uns auf die Reise gemacht von Miami nach San Diego, vom Atlantik an den Pazifik. 4444 Meilen in sechs Wochen haben wir zurückgelegt. Wir haben gestaunt, gestritten, gelacht und ganz viel erlebt. Die folgende Geschichte ereignete sich etwa halbzeitig im staubtrockenen, Geisterstädtchen Terlingua.

(Arizona)

Die Nacht ist schwarz wie Lakritze. Ein Schneckenhaus rollt durch die Wüstenfinsternis, seine Insassen suchen Obdach, also einen Campingplatz, um sich dort zu betten. Es taucht Terlingua aus der Dunkelheit auf, eine Ghost Town in Arizona, in der inzwischen nicht mehr nur Spukgestalten, sondern auch ein paar Hippies und Hipster, Cowboys und andere schräge Seelen ein Hostel, einen General Store und eine Bar betreiben. Die Coyoten heulen. Der Wind pfeift. Das Gefährt ruckelt an einem Schild vorbei. “Welcome Amigos” steht darauf. Ein schöner Campingplatz, sagt die Mutter. Lass’ uns erstmal das Städtchen anschauen, sagt der Vater.

Die Blicke der Handvoll Geisterstadtbewohner folgen den Ankömmlingen beim Sightseeing. Lass’ uns nun einen Ort zum Schlafen suchen, sagt die Mutter. In Ordnung, wir nehmen den nächsten Stellplatz, der kommt, sagt der Vater. So wird es gemacht. Es ist ein Schotterfleck mit Stromanschluss im Nichts. Niemand hier, das gruselt mich, sagt die Mutter. Sie möchte zu den Amigos, das Willkommensschild wirkte so einladend. Der Vater lenkt ein und den Camper durch die Nacht. Meile um Meile legt die Fahrgemeinschaft zurück. Hin und her auf der einzigen Straße, die es hier gibt. Doch die Amigos bleiben verschwunden, verschluckt vom gleißenden Mondlicht. Es könnte auch ein Ufo gewesen sein. Soll man Fox Mulder und Dana Scully anrufen?

Der Hunger treibt die Suchenden schließlich zurück zum Ursprung. Doch siehe da: die Übernachtung auf dem einsamen Stellplatz wird eine der großartigsten überhaupt. Besuch von Außerirdischen bleibt aus. Dafür gibt es eine Waschmaschine und einen Trockner, rasantes WLAN und ein geheiztes Bad. Vor allem aber das auf den ersten Blick durchgefallene Set wirkt auf den zweiten wie aus einer Coproduktion von Hitchcock und Karl May und sorgt für wohlig schauderndes Reiseglück. Rundum sauber, zufrieden und uptodate rattert der Trupp am nächsten Morgen wieder vom Platz. Er kommt vorbei an einem Schild am Eingang. “Welcome Amigos” steht darauf.