Gretas Schwester - Teil 3

Von der Affenliebe

Inzwischen war die Sonne am Himmel hinaufgeklettert und brannte auch das letzte bisschen Nass von Gretas Rücken. In der allgemeinen Aufregung war untergegangen, dass der Wal am Strand völlig fehl am Platz war. Anuk tanzte um ihre neue Schwester herum und das Glück hüpfte an ihrer Seite. Ihr Vater  war versunken in den Anblick seiner Tochter. Nur Greta wurde immer matter. Anuks Vater war es schließlich, dem dies auffiel. Entsetzt klatschte er sich vor die Stirn. Greta würde ohne ausreichend Wasser nicht lange  überleben können. Wie hatte er darauf nicht achten können. Nicht nur seine Federmütze hatte ihm an diesem verrückten Morgen offenbar die Sicht vernebelt. Ihm wurde noch heißer. Dann wieder kalt. Er sah das mit der Sonne um die Wette strahlende Gesicht seiner Tochter. Er sah Greta, deren Flossen immer kraftloser in der Brandung planschten. Er schmiedete einen Plan. Er brauchte Hilfe und Freunde statt Not.

„Ich bin gleich zurück“, rief er deshalb, schwang sich in sein Paddelboot, das im Sand lag und sauste davon so schnell es ihm seine dicken, rudernden Arme erlaubten. Zum Glück hörte  Anuks Vater im Stamm auf den Namen "Schneller Fisch, der an Land lebt", sonst hätte er nicht rechtzeitig die Insel umrunden und beim Affenkönig um Unterstützung bitten können. Der hätte nicht in Windeseile seine Affenmannschaft zusammengetrommelt. Die Truppe wäre nicht durch den Wald gerast, um Lianen und Äste zusammenzuklauben und daraus ein Netz zu flechten. Die Affen und Anuk und ihr Vater hätten das Netz nicht um Greta gespannt und an den Palmen am Strand befestigt wie eine Hängematte. Sie hätten Greta nicht den gesammelten Affenvorrat, hunderte Liter Kokusnussmilch, zu trinken gegeben, damit sie nicht verdurstet. Sie hätten das Hängemattennetz mit dem Wal darin nicht zum schaukeln gebracht bis zum Himmel und am höchsten Punkt gekippt. Greta wäre nicht rechtzeitig durch die Luft geschossen wie ein gigantischer Fußball und mit einem gewaltigen Platsch im tiefen Teil des Wassers gelandet, das rund um die Insel brandete. Die Geschichte wäre übel ausgegangen.

Doch zum Glück war der Affenkönig genauso vernarrt in Anuk wie ihr Vater. Und er war ein begeisterter Fußballfan. Insofern hatte ihn nicht nur die Idee gekickt, seinem Lieblingsmenschlein helfen zu können sondern auch der Plan, einen Wal durch die Luft zu katapultieren. So eine Gelegenheit kam schließlich nicht alle Tage um die Ecke spaziert.

Und so gab es, als die Sonne vom Himmel wieder hinabgeklettert war und sich zum Schlafen hinter dem Horizont abgelegt hatte, lauter glückliche, müde Bewohner auf der Insel mit den feuerspeienden Bergen. Wenn man wie der Mond, der allnächtlich den Beleuchterjob übernahm, von oben auf das Fleckchen in der Südsee schauen könnte, hätte man dort an diesem Abend folgendes zu sehen bekommen: einen vor Erschöpfung auf seinem Thron schnarchenden Affenkönig, der „Tor, Tor, Tor“ im Schlaf nuschelte. Zwei verlassene Zeltplätze am Strand. Drei im Meer schaukelnde Freunde. Greta der Wal, Nummer eins, selig schlummernd und mit einem Bauch voller Kokosmilch. Anuk, Nummer zwei und ihr Vater, Nummer drei, Arm in Arm, die auf dem Rücken von Greta in den nächsten Tag dümpelten. Ihre beiden Zelte hatten sie auf dem Rücken des Walfisches aufgeschlagen und sich davorgelegt, der milden Nacht wegen. Der Mond musste schmunzeln, als er das sah. Und er ahnte, dass die gemeinsame Geschichte der Freunde grade erst begonnen hatte.

(Fortsetzung folgt)