Gretas Schwester - Teil 2

Greta, der Wal

Doch eines Morgens hörte Anuk vor ihrem Zelt ein lautes Platschen. Verwundert blinzelte sie hinaus ins frühe Sonnengold - und traute ihren Augen kaum. Denn sie blickte nicht wie üblich auf das endlose Meer, sondern blieb mit ihrem Blick kleben an einer öligen Wand, so schwarz wie ihre Zöpfe. Die Wand waberte und zuckte und klatschte im flachen Wasser. Anuk sammelte allen Mut, trat einen Schritt vor und legte ihr Ohr auf den dunklen Berg. Wieder ging ein Zittern durch das Ungetüm. Und da wusste Anuk, dass die Masse vor ihr kein vom Himmel gefallener Meteorit war, dessen Ankunft Häuptling halber Hahn seit Monaten prophezeite, sondern ein Lebewesen aus Fleisch und Blut. Es  schluchzte und schniefte und gehörte nicht dorthin, wo es jetzt lag, das war klar.

Die Gedanken des kleinen Indianermädchens fingen an zu galoppieren. Könnte es sein? Könnte passiert sein, wovon sie seit sie denken konnte träumte? Ihr Herz holperte vor Aufregung. Sie stolperte an dem Inselfindling entlang. Fünfzig Schritte tat sie, dann stand sie plötzlich vor einem Auge so groß wie sie selbst und so blau wie der Ozean. Aus dem Auge rollten kokusussgrosse Tränen. Ein Wal lag da und weinte. Anuk wusste es tief in sich drinnen, kaum dass sie ihr Spiegelbild in dem Nass erblickte. Vorsichtig winkte sie dem Meerestier ein Willkommen. Da ergoss sich ein weiterer Schwall Tränen über Anuk und spülte sie den Weg zurück, den sie gerade gekommen war.

Sie rappelte sich auf und suchte wieder das große Auge auf. „Lieber Wal, warum weinst Du so?“ fragte Anuk, behielt diesmal aber sicherheitshalber etwas Abstand. „Warum liegst Du hier am Strand? Warum schwimmst Du nicht im Meer? Wo ist Deine Familie? Hast Du Hunger?“ Die Fragen sprudelten aus Anuks Mund wie die Tränen aus dem Walfischauge, das inzwischen aber trocken war und genauso verwirrt blinzelte wie Anuk zumute war. Die beiden starrten sich eine Weile an. 

„Ich kann Dich verstehen“, gurgelte es da plötzlich aus den Tiefen des dicken Bauches. „Hörst Du, was ich sage?“ Anuk konnte es nicht fassen. „Ja, ja“, rief sie  begeistert. „Ja, ich verstehe Dich. Ich verstehe die Tiere und tanze gerne im Regen. Darum sind wir glücklich. Das sagt mein Vater immer. Aber ich bin ja gar nicht glücklich. Ich habe noch nie einen Walfisch gesehen. Also bis heute. Und an meine Mutter kann ich mich auch nicht erinnern. Die ist nämlich auf einem von euch davongereist, als ich noch ganz klein war. Aber jetzt bist Du ja da. Du, der Wal! Wie wunderbar!“ 

Anuk wusste nicht, wohin mit sich vor Aufregung. Sie schlug Saltos im Sand und drehte wie ein Kreisel über den Strand. Der Wal vergaß angesichts dieses Schauspiels seine Trauer, von der wir später noch mehr erfahren werden. „Wie heißt Du“, grollte er. „Anuk, heiße ich“, sagte Anuk. „Und Du?“ „Greta“, donnerte der Berg. „Ich heiße Greta. Wie meine Großmutter. Aber die habe ich verloren, genau wie die Richtung.“ 

„Greta“, jauchzte Anuk begeistert und überhörte den Rest des Satzes. „Greta, der Wal. Deine Schwester will ich sein. Ich habe nämlich keine. Darf ich?“ Sie wartete die Antwort gar nicht ab. „Vater, Vater“, schrie sie stattdessen, „ich habe eine neue Schwester, ich habe einen Wal gefunden. Greta und ich, wir sind das jetzt.“ Inzwischen war Anuks Vater von dem Getöse vor seinem Zelt erwacht und trotz seines gewaltigen Körpers, ähnlich dem des Walfisches, behände auf den Strand geklettert. Als er sah, was dort los war, plumpste er vor Schreck in den Sand und seine Nachtfedermütze rutschte ihm über die Augen. „Zum Wigwam nochmal“, brummte er und schob seinen Kopfschmuck wieder zurecht. „Nun ist es also doch passiert. Der Wal ist da. Was wird nun geschehen?“

(Fortsetzung folgt)