Gretas Schwester - Teil 4

Ratschlag zum Frühstück

Am nächsten Morgen erwachten Anuk, Greta und schneller Fisch von zwei Dingen. Zum einen prasselten erbsengroße Regentropfen auf ihre Köpfe. Zum anderen hopste und winkte und schrie Häuptling Halber Hahn am Strand. Es sah aus wie ein Regentanz, war aber nicht als solcher gemeint. „Kommt an Land“, brüllte er. „Wir halten Frühstücksrat. Das Rührei wird kalt.“ Übersetzt hieß das: „Dalli, dalli! Wer nicht bei drei vor seinem Teller sitzt, kriegt was hinter den Federschmuck und drei Wochen lang keine Eier aus dem Hühnerstall des Häuptlings.“

Anuk und ihrem Vater war die Dringlichkeit der Einladung insofern bewusst. Trotzdem ließen sie es sich nicht nehmen, Greta in aller Ruhe den Rücken mit Regenwasser zu polieren bis er glänzte wie ein Spiegel und ihr für den ersten Hunger einen Stapel Eierkuchen mit Bananenmus zu beschmieren. Als sie das neugewonnene Familienmitglied gut versorgt wussten, kletterten sie über Gretas Schwanzspitze in ihre Boote, die sie dort am Abend zuvor befestigt hatten. Greta schoss Ihnen zum Abschied eine Fontäne in die dunklen Wolken nach und Anuk und schneller Fisch flitzten über die Wellenberge davon, um sich die Bäuche vollzuschlagen und zu hören, was Häuptling halber Hahn dem Sauwetter zum Trotz so wichtiges zu verkünden haben würde.

Als sie am Strand ihre Boote vertäuten, war kaum noch ein Parkplatz frei. Der über die ganze Insel verteilte Stamm war an diesem Morgen in den Westen gekommen, um dem wichtigen Treffen beizuwohnen - und natürlich auch, um eine Portion vom sagenhaften Rührei des Stammesoberhauptes auf den Teller geschaufelt zu bekommen. Lange Tafeln waren unter Palmblattregenplanen am Strand aufgestellt worden. Die Tische bogen sich unter der Last der Leckereien. Es gab Berge von dampfenden Maismehlmuffins, Mangomarmelade und dicke Scheiben Nussbrot. Es gab riesige Schalen mit Kokosnusskonfekt, Pfirsichtorte und Karaffen mit Ananassaft. Häuptling halber Hahn achtete darauf, dass seine Stammesleute gut aber vitaminreich lebten. Er selber war Vegetarier aus Überzeugung, allerdings mit einer Schwäche für Hähnchenfrikassee. Hähnchen, nicht Hühnchen, das war ihm wichtig. Einmal im Jahr an seinem Geburtstag gab er diesem Hunger nach und feierte mit seinen Leuten eine große Hähnchenfrikasseeparty. Daher auch sein Name, halber Hahn.

Halber Hahn war ein guter Häuptling, Koch und Kümmerer, das stand völlig außer Frage. Er liebte seinen Stamm, er liebte die Insel. Nirgendwo sonst wollte er sein. Das erwartete er allerdings auch von seinen Untertanen. Was ihm gar nicht schmeckte, war Fernweh. Und er ahnte, dass Greta, der weitgereiste Wal, Unruhe in seinen Trupp bringen würde. Vor allem um seinen mutterlosen Liebling Anuk war es ihm bang. Deshalb hatte er sich an diesem Morgen besondere Mühe mit den Eierkuchen gegeben, von denen er wusste, dass sie die am liebsten aß. Nirgendwo sonst würde sie solche guten bekommen. Er hoffte, dass sie das verstehen würde. Tief in seinem Herzen aber war ihm klar, dass Eierkuchen nicht ausreichen würden, Anuk zu halten.

(Fortsetzung folgt)