Solo Album

Am letzten Samstagmorgen wurde ich wach mit einem Rumms. Punkt sieben Uhr war’s mir, als plärre mir der Alltag ins Ohr: wecke mich, kleide mich, füttere mich, wickle mich, erhöre mich, tröste mich! Am Horizont rekelte sich derweil die Sonne über der Côte d'Azur. Im Luftbett, aufgepumpt im wunderbaren Ferienhaus wunderbarer Freunde, rekelte ich mich Und zwar stundenlang. Ich döste mit einer Hingabe wie wohl noch nie zuvor in meinem Leben. Zwischendrin steckte ich die Nase in die noch gut gekühlte südfranzösische Luft. Dann schlappte ich wieder in die Kissen und döste weiter. Bis etwa zehn Uhr tat ich nichts anderes, als nichts zu tun. Mich plagten kein schlechtes Gewissen, kein Krümel Frühstück und kein Gram geschälte Gurke. In dieser goldenen, vergangenen Frühstund’ existierten ausschließlich ich, ein Magnolienbaum vor dem Fenster und ordentlich Sonnenglanz über dem Mittelmeer des Müßiggang.

File(1).jpg

 Mit jeder Stunde, die ich in diesem entschleunigten Faultiermodus verbrachte, mit jedem Croissant, dass ich störungsfrei in mich hineinbutterte, mit jedem Schluck Pastis, der schon mittags durch meine Urlaubskehle ran und sich dort abends mit dem Vin Rouge das wohltemperierte Suffhändchen schüttelte, mit jeder Seite Buch, die mich mitten am Tag in Parallelwelten raschelte und nur von einem ausgiebig gefeierten Mittagsschlaf unterbrochen wurde (Spielplatz-Prime Time, 16h, versteht sich von selbst) lud ich mehr auf. Recharge Battery. Recharged. Mission completed. 36 Stunden (davon die Hälfte schlafend) habe ich am letzten Wochenende 1200 km entfernt von meiner Brut verbracht. Möglich gemacht haben das ein engagierter Ehemann, eine für den Freitagnachmittag engagierte Babysitterin und ein uraltes, steinernes Traumhaus im südfranzösischen Hinterland. Kurz drohte der Tripp ins Wasser zu fallen, als ein heftiges Unwetter im gallischen Paradies dem Reisevorhaben Hagel ins Gesicht blies und steile Strässchen am Zielort in Wildwasserbahnen verwandelte. „Bleibste jetzt etwa hier, Mami“, fragt mich da mein ältestes Kind entsetzt? Nein, Engelchen, keine Sorge, ich haue ab. Zur Not wäre ich geschwommen. 

Kurz vor der Geburt dieses besagten Kindes gab mir meine Schwiegermutter, selber Mutter von vier Kindern den heißen Tipp: sieh’ zu, dass Du mindestens einmal im Jahr die Biege machst. Alleine. Keine Kinder. Kein Mann. Viele Bücher. Hat sie sich über Jahrzehnte  dran gehalten. Halte ich mich seit nunmehr sechs Jahren dran. Klar, der Preis sieht vor, die Augen ganz fest zusammenzukneifen, wenn man ins heimische Chaos zurückstolpert und erfährt, dass das Frühstück am Morgen aus Karamelle und zwei Folgen Bibi und Tina bestand - und Eierkuchen mit immerhin selbstgemachtem Apfelmus erst gegen Mittag gereicht wurden. Aber ehrlich gesagt: diese Form der Anarchie ist wohl genau das, was meine temporäre Abwesenheit so großartig macht. Für mich. Für die Kinder. Für den Mann. Jeder darf mal genau so, wie er mag. Ohne Mecker, ohne Zwang. Ein paar Tage reichen dafür völlig. Einer tut es im Prinzip. Aber weg sein und sich nicht einmischen (müssen), das muss manchmal einfach sein. 

Als ich am Sonntagabend mit meinem Köfferchen die Stufen hoch zurück in meinen den Bau kletterte, einmal kurz durchatmete, um innerlich die Herrlichkeit von Stille und ausgedehnter Einsicht zu verabschieden, kurz bevor der Sturm des Alltags wieder begann zu tosen - da hüpfte mein Herz schon vor Wiedersehensfreude. Dann kamen sie mir entgegengepoltert. Dreckverschmiert vom Kindergeburtstag. Glücklich vom Wochenende ohne mich. Glücklich, dass ich wieder da war. Das „Mamiiiiiiiii ist zurück“, schallerte so laut durchs Treppenhaus, dass ich schon Sorge hatte, der Putz würde von der Altbauwand bröckeln. Der Trott, der Lärm, der Rotz in der Nase, alles wie immer, alles wieder da. Aber mit einem Brocken Abstand in Hirn und Herz erhört, tröstet, weckt und wickelt es sich plötzlich ganz anders. Leichter. Sonniger. Im heimischen Männerkindklamottenbrötchenspielzeug-Chaos leuchtete übrigens ein dicker Strauß Tulpen.  Daneben stand ein Rhabarberkuchen. Selbst gebacken. Der Kühlschrank rammelvoll mit Herrlichkeiten. Und der Wäscheberg? Abgetragen, bei näherer Betrachtung. Läuft doch, Mutti! Vor allem auch mal ohne Dich!

 Bon Voyage!

 XXX

Tinel